Mein inneres Gericht

Ich habe es hunderte Male versucht 

und bin doch jedes Mal gescheitert.

Mit gesenkten Haupt stehe ich nun abermals vor meinem inneren Gericht,

der Richter selbst trägt mein eigenes Gesicht. 

Meine Haut und Seele befleckt, 

wegen der Schuld, die sich in mir versteckt,

alle Aufmerksamkeit auf mich gelenkt

ehe ich mich traue aufzuschauen,

sehe ich hunderte Paare derselben Augen.

Nach Minuten der Stille

und meiner allerletzten Bitte

erhebe ich mich

ebenso wie des Richters Gesicht,

der kurz darauf mein Urteil spricht.

‘Schuldig im Sinne der Anklage’, lässt er verlauten.

Die hunderte Paare Augen

können es wie ich kaum glauben.

Ich schaue in des Richters Gesicht,

das noch immer meinem entspricht. 

‘Sich frei sprechen, kann nur, wer weiß,

seine eigenen Regeln zu brechen’, fährt er fort.

‘Schuld von sich weisen und gnädig sein’,

schließt er endlich ab

‘Ist nur dem vergönnt, der sich seine eigene Schuld verzeiht

und schlussendlich auch den letzten Zwefel von sich weist.

So haben Sie, Angeklagter, uns heute gezeigt,

was schuldig sein

im Grunde wirklich heißt.

Denn die Schuld, die man sich selbst zuschreibt,

ist meist die, die bis zum Ende bleibt.

Denn selbst würde ich, Richter, sie heute frei sprechen,

den Kreislauf der Schuld

müssen Sie für sich selbst brechen.’

051217/18

Es gab nie etwas, das ich mir so sehr gewünscht habe wie uns. Nichts, das ich so gerne hätte funktionieren sehen, wie unsere beiden Zahnräder, die ineinander greifen. Kein Lächeln konnte das in mir auslösen, was deines tat. Und kein Ort fühlte sich so sehr nach zuhause an, wie deine Arme.

Dein großer, grauer Pullover, in dem ich abends auf der Couch lag, war das worauf ich mich morgens nach dem Aufstehen schon am meisten freute. Und nie schmeckte der trüb gewordene Apfelsaft besser, als rauchend am Fenster in der Küche neben dir. Kein Tag war je länger, als die, dich ich ohne dich verbrachte. Und keine Nacht schien je so einsam, wie jene, die ich allein in unserem Bett totschlug.

Die Wohnung dort im Osten von Berlin war unserer beider Realität. Und niemals hätte ich auch nur eine Sekunde daran gezweifelt, dass es richtig war dort mit dir zu leben. Es war magisch, diese erste Nacht. Wir beide so nackt wie die Matratze auf der wir lagen. Und unsere Gemüter so rein, wie die Wände, die uns umrahmten.

Ich habe nie mehr Vorfreude. Güte. Entschlossenheit empfunden. Wie in diesem Moment. Ich habe zu keinem Zeitpunkt je etwas so klar gesehen wie unsere Zukunft, etwas so sehr geatmet wie deine Haut. Und ich habe niemals, weder Zuvor noch im Nachklang, so sehr geliebt wie zu jener Zeit.

Da ist eine Lücke an der Wand,
wo kürzlich erst dein Bild noch hing;
wo unser beider Zukunft lag,
unser Wesen Wurzeln schlug.

Von der Wand bis zu den Fingerspitzen
zieht sich stets noch der Gedanke
an
warme Tage in der Ferne
eine immer fehlend starke Hand
an der Seite meiner Schulterwand.
Von dort aus auch zieht sich noch

an der Weiche meiner Lippen
und der Rundung meiner Brust vorbei
direkt in den Fokus der Wärme
in die rechte Seite meiner Leibesmitte
bid endlich an dem Stück rot in meiner Brust angekommen

der Schmerz von zwei getrennten Seelen,
den wir von Anfang an unser eigen nennen.

Mit diesem Schmerz einher
den Weg wieder zurück
an Steißbein, Wimpernschlag und Halspulsieren vorbei
zaubert der immer gleiche Gedanke
auch ein Lächeln in mein Gesicht.

Selten hat etwas so Zuckersüßes
so sehr auf meiner Zunge gebrannt.
Und doch konnte ich es nicht sein lassen,
musste dich, musste uns probieren.

Um mir letzten Endes doch ein Herz zu fassen
und dich und deine Welt
egal wie bittersüß die Erinnerung je war
für etwas neues, schönes zu verlassen.

Und wir,
die deren Herzen noch schlagen,
wir dürfen uns die Glücklichen nennen.
Denn wie vielen schon ist der Herzschlag stecken geblieben,
hat den Weg nicht geschafft,
von den Zehen, an den Händen vorbei,
direkt ins Herz.
Haben es bisher die wenigsten geschafft,
diesen Herzschlag zu behalten,
bis zu dem Stück rot in ihrer Brust zu schweifen,
um ihn dann mit jemand anderem zu teilen.

Ich blickte auf das Bild.

Als die Türen noch nicht zerschunden waren und der Boden noch glänzte. Der Schwall des anfangs schwebte damals in der Luft.

Mein Blick hob sich und traf auf den am Boden liegenden, abgesplitterter Lack. Er wirkte fast wie Scherben und die aufgeplatzten Stellen an der Wand sahen beinahe aus wie klaffende Wunden. Ich habe sie bis heute noch nicht verschlossen, der richtige Farbton zum drüber streichen war mir bisher nicht über den Weg gelaufen.

Als er damals die Wohnung verließ, hatte er mir versprochen die Lücken noch vor seinem Weggang zu verschließen. Doch auch er hatte die passende Farbe nicht finden können. Wenn ich ehrlich bin, wundert es mich nicht.

Besitzanspruch

Ich gehöre doch niemanden,
höchstens der Stille die mich trägt
und der Natur, die mich umgibt.

Wie kann ich dir gehören,
wenn ich doch nichtmal ein Gegenstand bin?

Höchstens ein Gegenstand der Liebe,
des Schaffens und des Seins.
Wie könnte ich mit allem was ich bin
ganz deines sein?

Dafür bin ich doch zu viel
mehr als du je halten,
gar besitzen könntest.

So sitz ich allein
und bin ganz mein Eigen.

Doch vielleicht bin ich selbst für mich
zu viel und zu verworren
um mein Eigen zu sein.

Gedachte Gefühle

woran ich denke,

wenn ich deinen Namen nenne?

An Tanzen auf Dächern,

nachts um halb drei

dein und mein Lied,

das durch die Wohnung hallt.

Laute Gespräche,

noch viel lauteres Lachen,

an letzten Frühling

unser erstes Erwachen.

An Sitzen am Fenster,

mit dem Saft in der Hand

in fremden Bett

im viel ferneren Land,

mit Gedanken im Kopf,

die wir Beide teilten,

Stunden der Stille,

die wir nebeneinander weilten.

An Schluchzen in Pullover,

und Tränen auf der Couch.

Sah mein Lächeln für dich

nicht täuschend echt aus?

Ich denke an Weihnachten mit dir

und der Tanne in der Diele.

Dein Lachen, dein Schmunzeln,

das du immer schon spieltest.

Ich denke an nackte Nächte

zwischen nackten Wänden,

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